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Tagung Köln (12.-14.12.2018)

Imaginationen des Sozialen. Narrative Verhandlungen zwischen Integartion und Divergenz (1750-1945)

Ähnlich wie der Begriff der Nation, dessen historische Genese weit präsenter scheint, beginnt auch die Karriere des Begriffs „Gesellschaft“ in seiner modernen Akzeption erst um 1800. Verstanden als umfassender Wirklichkeitszusammenhang, der sich die angestammten Bezirke von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Religion funktional unterordnet, ist er zugleich Ausdruck eines tiefgreifenden Strukturwandels von einem ständisch stratifizierten Gemeinwesen älteren Typs hin zu einer modernen, von funktionaler Differenzierung geprägten Organisationsform.

Trotz der Suggestion einer übergreifenden Einheit ist im Gefolge der Französischen Revolution die faktische Beschaffenheit von „Gesellschaft“ in einer Weise disponibel wie in keiner Epoche zuvor. Auch das „soziale Imaginäre“ muss auf diesen Strukturwandel reagieren und neue Akteure, Legitimationsformen und Zielhorizonte entwerfen. Im Begriff der „Gesellschaft“ kondensiert sich damit nicht nur eine moderne „Einheitssemantik“, vielmehr tritt zugleich die narrative und imaginative Verfasstheit dieses Begriffs hervor, der selbst beginnt, an der strukturellen Offenheit von Erzählungen zu partizipieren.

„Gesellschaft“ bildet fortan eine situativ aktivierbare Einheitshypothese, die durchweg eigene Zeithorizonte impliziert: das Reden über „Gesellschaft“, z.B. in der von Comte so benannten Soziologie, produziert narrativ strukturierte Vorstellungen davon, wie „Gesellschaft“ zu sein habe und begnügt sich kaum je mit der Beschreibung eines Status quo. Gerade weil der Begriff der „Gesellschaft“ an keine originäre Diskursautorität gebunden ist, sondern von allen möglichen Diskursen beansprucht werden kann, erzeugt sein Gebrauch faktisch eine Pluralität von „Rechtfertigungsnarrativen“. Diese können der Legitimation einer bestimmten Imagination von „Gesellschaft“ dienen und ihrerseits „Gegennarrative“ provozieren.

Vor diesem Hintergrund versteht sich die Tagung zum einen als historischer Beitrag zur Archäologie jener im Begriff der „Gesellschaft“ suggerierten „Einheit“, die auch in gegenwärtigen Begriffsverwendungen wie „Alternativ- und Parallelgesellschaft“ nachwirkt, und ihrer narrativen wie imaginativen Verfasstheit. In anderen Worten fragt sie: Wie wird „Gesellschaft“ in je unterschiedlichen Diskursen konstituiert? Und: Geht mit der Konstitution von „Gesellschaft“ in der Moderne womöglich immer schon die Imagination von „Paragesellschaften“ einher, die als diskursiv und/oder real separierte Entitäten ihren Einheitsbestrebungen schärfere Konturen verleihen und infolgedessen ihr Selbstverständnis stützen? Als aufschlussreich für die Diskussion literarischer Verhandlungen dieser Phänomene könnten sich etwa Balzacs Comédie humaine in Frankreich, aber auch Vergas Zyklus der Vinti in Italien oder die Romane von Pérez Galdós in Spanien erweisen.

Grundsätzlich werden im Kontext der Tagung zum anderen insbesondere solche Phänomene in den Blick rücken, die ab 1750 diese „Einheit“ unterlaufen oder in Frage stellen und der Herausbildung eines „paragesellschaftlichen Narrativs“ zuarbeiten. Ob real oder imaginiert, sollen diese über die reine Geste der Distinktion und Abgrenzung hinaus in ihrer „Eigenkomplexität“ verfolgt werden. In allen möglichen Themenstellungen gilt ein besonderes Augenmerk dem ästhetischen Potentialen literarischer Sprach- und Formverfahren, wie sie in den Repräsentationen und Imaginationen von „Paragesellschaften“ oder in der Subversion bzw. Affirmation disponibler Einheitssemantiken („Gesellschaft“, „Nation“, „Territorium“, „Rasse“, „Klasse“) hervortreten.

 

Kontakt: Benjamin Loy [b.loy@uni-koeln.de],Simona Oberto ‎[simonaoberto@hotmail.com]‎, Paul Strohmaier ‎[strohmai@uni-trier.de]‎

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